Baden-Württemberg will die umstrittene Herointherapie ab Juli ermöglichen. Das Land wird die neun geplanten Standorte finanziell unterstützen.

Stuttgart – Mit einer Verwaltungsvorschrift, die am 1. Juli 2010 in Kraft treten soll, will die Landesregierung die lange umstrittene Herointherapie für Schwerstabhängige unter ärztlicher Aufsicht ermöglichen. Ab diesem Zeitpunkt können die Regierungspräsidien dann ausgewählten Einrichtungen die Substitutionsbehandlung mit künstlich hergestelltem Heroin, dem sogenannten Diamorphin, erlauben. Das geht aus einer Kabinettsvorlage hervor, die der SÜDWEST PRESSE vorliegt. Sie soll am Dienstag verabschiedet werden. In Fachkreisen wird damit gerechnet, dass Karlsruhe und Stuttgart als erste Standorte einen Antrag auf die Herointherapie einreichen werden. Als weitere Standorte sind Ulm, Ravensburg, Tübingen/Reutlingen, Mannheim, Freiburg, Heilbronn und Singen vorgesehen.

Um die vom Bund vorgegebene Behandlungsform rasch umzusetzen, nimmt das Land selbst Geld in die Hand. Pro Standort sei ein „Investitionszuschuss in Höhe von 100 000 Euro“ erforderlich, schreibt Sozialministerin Monika Stolz (CDU) in der Vorlage. Nur in Karlsruhe, das die Therapie bereits erprobt hat, fällt die Summe mit 50 000 Euro geringer aus. Bis 2013 will das Sozialressort daher für den sukzessiven Ausbau der Standorte durch Umschichtungen in seinem Etat 850 000 Euro bereitstellen.

Mit dem geplanten Beschluss endet der jahrelange Konflikt um die Behandlung von bis 300 Schwerstabhängigen im Land. Laut einer bundesweiten Studie verbessert die verschreibungspflichtige Herointherapie den Gesundheitszustand extrem Süchtiger so weit, dass sie in eine ausstiegsorientierte Behandlung wechseln können. Außerdem wird die Beschaffungskriminalität vermindert und die Drogenszene gelichtet. Stolz hatte sich dieser Sichtweise früh angeschlossen, weite Teile ihrer Partei indes stellten die Studie in Frage. 2006 hatte sogar ein CDU-Landesparteitag das Projekt abgelehnt, das das Land wegen der Bundesgesetzgebung nun nicht mehr stoppen kann. Es hätte die Umsetzung indes verzögern könnten, worauf es nun aber verzichtet.

Die hohen Anfangskosten verursacht das strenge Sicherheitskonzept. Es schreibt etwa vor, dass Diamorphin nur in fensterlosen Räumen aus Stahlbeton gelagert werden darf. Die Außenwände müssen mit Körperschallmeldern versehen und der Zugang elektronisch kontrolliert werden. Die Räume, in denen der Ersatzstoff unter Aufsicht konsumiert werden darf, müssen permanent videoüberwacht und die Aufzeichnungen dürfen erst nach 48 Stunden gelöscht werden. Während der Verabreichung von Diamorphin müssen in der Einrichtung mindestens drei Fachkräfte anwesend sein.

Kommentar:

Es ist ein später Sieg der Vernunft, wenn sich die Landesregierung nun anschickt, die Herointherapie aktiv zu unterstützen. Denn die Ergebnisse einer bereits 2006 abgeschlossenen bundesweiten Vergleichsstudie sind eindeutig: Bei Schwerstabhängigen ist die ärztlich kontrollierte Therapie mit künstlichem Heroin dem bisherigen Ersatzmittel Methadon überlegen. Den Patienten geht es gesundheitlich besser und sie sind auch seltener kriminell als Methadon-Patienten. Das spricht für die Therapie und relativiert die hohen Anfangskosten beträchtlich.

Trotz der eindeutigen Faktenlage hat sich die Landes-CDU lange gegen die Herointherapie gesperrt – auch, weil sie glaubte, dass sie mit Hilfen für Junkies in konservativen Kreisen nicht punkten kann. Doch zum einen hat der Bund die Bedenken nicht geteilt. Zum anderen haben selbst exponierte Vertreter der Konservativen wie Hessens Noch-Regierungschef Roland Koch nach anfänglicher Skepsis die Vorteile der Therapie erkannt: weniger Junkies in Parks, weniger Dealer, weniger Kriminalität, weniger Drogentote.

Der anstehende Kabinettsbeschluss ist daher eine große Chance. Denn damit ist ein Thema abgearbeitet, das extrem ideologisch belastet war und viel Ressourcen und Aufmerksamkeit gebunden hat. Die Chance besteht darin, dass nun wieder mehr Kräfte frei werden für drängendere Probleme wie Missbrauch von Alkohol und Medikamenten. ROLAND MUSCHEL