Mit ungewöhnlichem Mut und bislang nicht zu beobachtenden Maßnahmen haben sich die Regierungsführer von Jamaika und Mexiko dazu entschieden, die meist gefürchteten und gesuchten Drogenbarone mit militärischen Mitteln, dem Einsatz von Waffen und den Regeln des Gesetzes zu attackieren. Einige der gewalttätigsten Drogenbarone ihrer Länder sollen zudem an die USA ausgeliefert werden, wo sie seit langer Zeit zur Fahndung ausgeschrieben sind. Hauptproblem des Kampfes gegen die Drogen ist jedoch immer gewesen, dass die Gangs die politischen Ebenen der süd- und mittelamerikanischen Länder infiltriert haben, was diesen Kampf von vornherein ad absurdum führte.

Im Verlauf der Zeit endet eine Koexistenz zwischen einflussreichen Gangs und der Politik normalerweise auf böse Weise für eine Nation, was jetzt auch seitens des jamaikanischen Premierministers Bruce Golding öffentlich zugegeben wurde. In der vergangenen Woche traf er die Entscheidung, sich dem gut etablierten Drogenbaron Christopher “Dudus” Coke zu widmen, der in den Vereinigten Staaten gesucht wird. Der Kampf um die Ergreifung von Coke hat nun dazu geführt, Teile der jamaikanischen Hauptstadt Kingston in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Die anhaltenden Straßenkämpfe werden als notwendig im Hinblick auf die Säuberung der jamaikanischen Gesellschaft betrachtet. Wie der Premierminister ausführte, stünde das Land an einem wichtigen Wendepunkt, um die Mächte des Bösen zu bekämpfen, die die Gesellschaft durchdrungen und fest im Würgegriff hielten. Die Aktivitäten dieser Kräfte hätten in der Vergangenheit überdies das Resultat gezeitigt, Kingston das Label einer der kriminellsten und gefährlichsten Hauptstädte der Welt aufzukleben. Das Handeln der Regierung soll sicherlich das Signal aussenden, dass Jamaika ein Land des Friedens, der Gesetzesbefolgung und der Sicherheit ist. Mexikos Präsident Felipe Calderon hat jüngst ähnliche Ziele formuliert. Wie er in einer in der letzten Woche gehaltenen Rede vor dem US-Kongress sagte, werde dieser Kampf nicht nur bezüglich der Niederringung des Drogenhandels ausgetragen. In erster Linie sei die Aufnahme dieses Kampfes dem Versuch gewidmet, um die persönliche Sicherheit der mexikanischen Familien zukünftig besser zu garantieren, die der Gefahr des Missbrauchs und dem willkürlichen Drohpotenzial der Kriminellen ausgesetzt seien. Die Vereinigten Staaten unterstützen beide Regierungsführer in ihren Kampagnen, denn sie stellen einen nicht geringen Anteil an den einzelnen Kriegsschauplätzen im Rahmen des immer aufwendiger angelegten US-Kriegs gegen den Drogenhandel dar. Auch will Amerika durch sein Handeln die eigene Verantwortung im Hinblick auf seine riesigen jährlichen Importe illegaler Drogen unterstreichen. Die alte Phrase vom “Krieg gegen die Drogen” hat sich nun zu einer sehr reellen Schlacht in zwei Nachbarländern der USA entwickelt, vergleichbar mit der Situation, die vor einigen Jahren in Kolumbien vorherrschte. Dort konnte der Drogenanbau mit Hilfe des dortigen Präsidenten Uribe bis heute unter Kontrolle gebracht werden, auch wenn sich immer wieder Lücken auftun in denjenigen Gebieten und Regionen, die durch die linksgerichteten FARC-Guerillieros beherrscht werden. Der Auslöser für derartige Kriege wird weitläufig in dem Aspekt gesehen, dass die nationalen Führer die Drogenbarone schlussendlich als das ansehen müssen, was sie sind – nämlich eine Bedrohung und somit etwas, das es zu bekämpfen und nicht zu tolerieren gilt. Ich persönlich habe in diesem Punkt eine ein wenig differenziertere Sichtweise. Wenn man sich die Lieferkette von den Erzeugerländern Ecuador oder Kolumbien hinauf durch die mittelamerikanischen Staaten Panama, Costa Rica, Nicaragua, Honduras, Guatemala bis nach Mexiko und die Vereinigten Staaten anschaut, so ist es ein offenes Geheimnis, dass nahezu der gesamte Staats- und Beamtensektor an dieser Lieferkette in den einzelnen Transitländern sehr viel Geld verdient. Für viele korrumpierte Personen aus den Staatsapparaten ist die Teilnahme am Drogenhandel nicht nur zu einer Neben-, sondern absoluten Haupteinnahmequelle avanciert. Wundern sollte einen das nicht, denn die Margen in diesem Geschäft sind wahrscheinlich die höchsten der Welt, weshalb staatliche Organe wie die Polizei oder auch die Gerichtsbarkeit in diesen Ländern durch Korruption leicht zu unterwandern und infiltrieren sind. Diesen aus der Flasche entlassenen Geist wird man wohl nie wieder in die Flasche zurückbekommen, denn es sei darauf hingewiesen, dass 1 Gramm hochwertiges und nicht verschnittenes Kokain den Touristen am Strand von Ecuador für lächerliche $2,50 zum Kauf angeboten wird. In den Vereinigten Staaten hat dasselbe Gramm dann einen Marktwert von leicht $150 bis $180. Wenn staatliche Organe und das Militär in Mexiko und Jamaika nun gegen verschiedene Drogenbarone vorgehen, so könnte dies auch daran liegen, dass zwischen den Baronen und den einzelnen politischen Ebenen ein Machtkampf um die Anteile am Kuchen aus diesem Geschäft ausgebrochen ist. Wer auch nur einmal in Süd- oder Mittelamerika oder auch der Karibik gewesen ist oder dort vielleicht auch eine Zeit lang gelebt hat, wird wissen, dass hinter vorgehaltener Hand jedermann darüber im Bilde ist, dass die Politik und ihre staatlichen Organe mit an diesem Handel verdienen. Denn es ist das gesamte System, das faul ist. Deshalb wäre ich vorsichtig mit der vorschnellen Bildung einer Meinung bezüglich dieses offen ausgebrochenen Krieges, für den sich viele Medien missbrauchen lassen, um der Weltöffentlichkeit die heroischen Ziele der Regierungsführer zu suggerieren, wie sie oben bereits beschrieben wurden, und die zur Erklärung dieses Krieges oftmals herhalten müssen. In Süd- und Mittelamerika muss ein Wolf sein, wer den lukrativsten Handel der Welt kontrollieren oder an ihm partizipieren will. Man sollte daher niemals vergessen, dass diese Wölfe nicht nur unter den Drogenbaronen, sondern genauso in Politik, Polizei, Militär oder der einfachen Bevölkerung zu finden sind, die insbesondere auf Basis der darnieder liegenden Wirtschaften in ihren Ländern im Drogenhandel eine alternative und zudem äußerst lukrative Einnahmequelle sehen, die sie keinesfalls verlieren wollen.

source: http://www.wirtschaftsfacts.de/?p=5341