Dieser Übersetzung des ursprünglich französischen1 Textes liegt die englische Fassung von K.A.Smyngton

(von dem auch das Vorwort stammt) mit dem Titel

“Ayahuasca helps cure drug addiction” zugrunde.
Während einer Entsendung nach Peru entdeckte der Arzt Jacques Mabit schamanische Heilkunde.
Beeindruckt von der großen Pflanzenkenntnis der Eingeborenen bat er um Einweihung. Heute leitet er mit Hilfe von Schamanen ein Zentrum in Amazonien, in dem Drogensüchtige mit Hilfe einer
psychoaktiven Pflanzenzubereitung geheill werden. Diese ist kein Ersatz für konventionelle
Medizin, sondern ein Werkzeug einer anderen Art von Heilkunst.
Meine dreijährige Erfahrung in Peru (1980-83) im Rahmen des Programms “Ärzte ohne Grenzen”
überzeugte mich von einem: die Heiler können Fälle behandeln, in denen die konventionelle Medizin machtlos ist. Meine Rückkehr nach Frankreich erinnerte mich an unsere relative
Machtlosigkeit, besonders in den Bereichen von Psychopathologien und Drogensucht. Ich beschloss
daraufhin, diese therapeutischen Verfahren im Rahmen eines Forschungsprojekts medizinische
Anthropologie genauer zu untersuchen.

Die Aussagen von Schamanen und Heilern erwiesen sich
bald als ein schwieriges Hindernis. “Wer lehrt dich? – Die Pflanzen. – Wie lehren sie dich ihre
Kenntnisse? – Durch Träume oder veränderte Bewußtseinszustände, die durch die Einnahme
psychotroper, nicht suchtbildender Pflanzen hervorgerufen werden.” Kann all dies wahr sein, unter
kontrollierten Bedingungen veri-fiziert werden? Gespräche mit Heilern endeten immer mit der
selben Frage: “Und ich, ein westlicher Arzt, kann, auch ich lernen? – Ja, die Pflanzen werden auch
dich unterrichten, wenn du sie liebst und respektiertst und unter strenger Beachtung der Regeln
einnimmst (Diäten, Fasten, Isolation im Urwald, sexuelle Abstinenz usw). Sie werden zu dir
kommen und zu dir sprechen; das ist der einzige Weg zu lernen.”


DIE HEILER HATTEN RECHT

Diese seltsamen Gespräche brachten mich in ein Dilemma: entweder mußte ich meinen Versuch
aufgeben, zu verstehen, oder aber vorwärts gehen und bescheiden den Selbstversuch akzeptieren.
Einige gute Gründe dafür wurden deutlich, vor allem die Vereinbarkeit von empirischen Ansätzen
mit den Kriterien moderner Wissenschaft. Tatsächlich stützt sich auch die “Wissenschaft” der
Ureinwohner auf sichtbare Tatsachen un weist eine strenge Methodik auf, sie definiert klar die

Bedingungen für den Selbstversuch und für die Vermittlung von Tatsachen, und sie verlangt
konkrete Ergebnisse. Wir, ein junger Ethnobotaniker und ich, beschlossen, bis an die Grenzen
dieser Erfahrung zu gehen und die Behauptungen der Heiler am eigenen Leib zu überprüfen.
Es hat keinen Sinn, fünf Jahre einer anspruchsvollen, schwierigen, aber auch sehr bereichernden
Lehrzeit detailliert zu beschreiben. Die Heiler hatten die Wahrheit gesagt: Pflanzen lehren – bis
dahin, daß wir fähig wurden, die Zubereitung und Anwendung pflanzlicher Arzneitränke und die
heiligen Gesänge zu meistern und therapeutische Sitzungen zu leiten.
Die Einweihung enthielt das Durchleben veränderter Bewußtseinszustände, die zu keinerlei Sucht
oder Abhängigkeit führen. Sie ist das Echo zu den wilden “Gegen-Einweihungen” der Drogensüchtigen. Einige Patienten kamen voran als Ergebnis der Verbindung von Arzt und Heiler.
Trotz beschränkter Mittel ermutigten uns die Ergebnisse, fortzufahren und nach und nach eine
alternative Therapie auszuarbeiten, in der traditionelles Wissen mit modernen psychotherapeutischen Verfahren verbunden wird.


EIN UNGENUTZTES ALTHERGEBRACHTES WISSEN

Peru ist als größter Koka-Produzent bekannt, aber auch ein Land des Konsums. Das am weitesten
verbreitete Produkt ist Kokain-Base-Paste (“crack”). Es führt schnell zu Abhängigkeit und macht
den Konsumenten bald zum Außenseiter. Er braucht große Summen um seine Sucht zu befriedigen.
Andererseits gibt es nur wenige Behandlungszentren, die zudem noch in der Hauptstadt konzentriert
sind.
Außerhalb der Städte zeigen die eingeborenen Heiler eine große Fähigkeit, sich auf diese neuen
Krankheiten einzustellen. In jeder Region sind Methoden entwickelt worden, die auf einer oder
mehreren psychotropen Substanzen basieren (Kaktus mit Meskalin, Lianen usw.). An der Küste
haben peruanische Psychiater die Wirksamkeit auf Erfahrung beruhender Therapien bewiesen, in
denen Meskalinhaltige Kakteen zur Behandlung von Alkoholikern verwendet werden.
Das peruanische Gesundheitsministerium, das sich des enormen Potentials des althergebrachten Wissens bewußt ist, subventioniert ein Institut für traditionelle Medizin. Frankreich unterstützt
diese Forschung mit einem Französischen Institut für Andenforschung. Unsre Tätigkeit stützt sich
auf diese Initiativen. Innerhalb dieses Konzepts haben wir in Tarapoto im amazonischen Vorgebirge
Perus mit unseren peruanischen Partnern ein Zentrum für Drogensüchtige gegründet. Die Patienten
kommen freiwillig. Das derzeitige Ziel der Vereinigung besteht darin, eine Struktur zu schaffen, die
15 Patienten dauerhaft aufnehmen kann. Angesichts unserer begrenzten Mittel werden die Patienten
aufgefordert, sich je nach ihrem Zustand und ihren Fähigkeiten an Arbeiten zu beteiligen, die zur
Eigenfinanzierung des Zentrums beitragen (Handwerk, Unterricht, Gartenbau, Baumaßnahmen…).
Das aus unseren Erfahrungen entwickelte Behandlungsverfahren verbindet traditionelle Medizin
mit modernen psychotherapeutischen Techniken. Es besteht aus zwei Phasen: eine kurze körperliche Entgiftung mit purgativen Pflanzen (10 Tage), die die Entzugssymptome verkürzen und
beseitigen soll, gefolgt von einer längeren zweiten Phase (6-12 Monate) der “psychischen” Entgiftung. Diese zweite Phase schließt die rituelle Einnahme psychotroper Pflanzen ein.

Der Patient, der an diesem therapeutischen Prozeß teilnimmt, erfährt die Wiedergeburt eines
inneren Universums, was sich durch Träume, Visionen, flashbacks innerhalb des gewöhnlichen
Bewußtseinszustandes, plötzliche Eingebungen ausdrückt. Nach und nach verläßt er das Chaos und
findet seine innere Ordnung wieder, wobei er ermutigt wird, alles abzustoßen, was nicht zu ihm
gehört – nicht nur die auf den Drogenkonsum zurückgehenden Gifte, sondern auch psychische und
emotionale “Heimsuchungen” die das Selbst vergiften. Die Funktion der psychotropen Pflanzen
besteht darin, die Visualisierung dieses Prozesses durch den Patienten selbst zu ermöglichen, der so
durch ermutigende innere Mechanismen neu erzogen wird. Im Gegensatz zur “Gegen-Initiation” der
Drogensucht führt dieser Prozeß zur Wiedererrichtung einer inneren Ordnung auf den Wegen der
schamanischen Einweihung. Das wesentliche Element der Initiationstechniken im oberen
Amazonasgebiet ist Ayahuasca. Diese “Liane des Todes”, die als Arzneitrank zubereitet wird,
öffnet das Tor der Verbindung zur “Anderen Welt”. Nachdem wir ihre Wirkungen in mehr als 350
rituellen Sitzungen an uns seihst erforscht und gelernt haben, mit ihr umzugehen, haben wir diese Zubereitung zum zentralen Punkt unserer Therapie gemacht.
Während nächtlicher Sitzungen führen wir die Teilnehmer zu einer kontrollierten Veränderung ihres Bewußtseinszustandes. Die psychotropen Wirkungen des Getränks bewirken eine allgemeine
Erweiterung der Wahrnehmungen, eine Beschleunigung der geistigen Funktionen und eine relative hemmung der rationalen Abwehr -ohne Verlust von Bewußtsein oder von Elementen der inneren Dynamik des Teilnehmers, der angeleitet wird, sein inneres Sein zu betrachten. Aufkommende Krisen, aufgedeckte Konflikte, verborgene Ängste werden sämtlich durch Ent-Äußerung gelöst bei
gleichzeitigem Ausscheiden physischer, psychischer und metaphysischer “Gifte”. Die Katharsis ist
in der Regel mit starken Entleerungen (Erbrechen, Durchfall, Schweiß…) und spirituellen Kämpfen
verbunden, die als Aufeinandertreffen von Engeln und Dämonen visualisiert werden. Nachdem die heilende Energie von Ayahuasca die verschiedenen Bereiche gereinigt hat, tritt der Teilnehmer in
ein friedvolles Stadium, in dem er sich mit seinem Körper, seinem Ego und dem ihn umgebenden
Universum versöhnt fühlt. Durch die Entdeckung seines inneren Universums hilft Ayahuasca dem Patienten, seine Begabungen, seine Fähigkeiten, kurz: seine Bestimmung zu finden.
Der Betreffende findet heraus, was er in sich trägt, seinen angemessenen und legitimen Platz im
Leben, er erkennt sein Ziel und seinen Weg. Ayahuasca bewegt sich weiter. Nachdem sie ihre Rolle
gespielt hat, macht sie ihren Platz frei. Nach unserer Erfahrung denken wir, daß ein Drogenabhängiger nach sechs-monatiger Behandlung und rund 20 Sitzungen eine ausreichende
Grundlage hat, um seinen Weg für die Zukunft zu finden. Ayahuasca führt nicht zu Abhängigkeit, sie wird vollständig assimiliert. Darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von anderen Drogen. Das
Konzept der Substitution ist der Methode, der wir Folgen, also vollkommen fremd. Wenn Substitution stattfände, dann nur insoweit, als die kontrollierte Einnahme anderer Pflanzen mit
ähnlichen psychotropen Wirkungen die wilde Gewohnheit des Konsumierens bewußtseinsverändernder Substanzen ersetzt. Aus unserer Sicht zeigt der Ersatz einer
suchterzeugenden Substanz durch eine andere, auch wenn letztere legal und durch ärztliche
Verschreibung gemildert ist, nichts anderes als die therapeutische Unfähigkeit, das zugrunde
liegende Problem anzugehen. Der Einsatz von Methadon z.B. ist Teil eines Schemas medizinischer
Unterdrückung. Er ist ein Zudecken, eine – vielleicht elegante und in Krankenhausfarben gehaltene
– Verkleidung, in Wirklichkeit aber eine barbarische Praxis. In unseren Augen zeigt Drogensucht einen – fast immer unbewußten- Versuch, die Grenzen eines individuellen Universums zu

durchbrechen. Er entspricht dem Eindringen in Sphären außerhalb der Grenzen des gewöhnlichen Bewußtseins, das den Betreffenden in einem zu engen Raum gefangen hält, in dem er keine befriedigende Antwort auf seine existenzielle Unruhe finden kann. Drogensucht driickt eine tiefe Sehnsucht aus, den Sinn der Existenz wiederzufinden.
Es hat sich herausgestellt, daß gerade die empirischen traditionellen Heil-weisen ein komplexes System von Kenntnissen bieten, die eine Antwort auf dieses Problem geben können. Die
schamanischen Praktiken Amazoniens scheinen in der Lage, zeitgenössische Probleme wie das der
Drogensucht zu handhaben. Sie haben den enormen Vorteil, die der Drogensucht zugrunde liegende
Frage nicht außer acht zu lassen, sondern sie im Gegenteil zu erkennen, anzuerkennen, daß sie
berechtigt ist und schließlich eine Methodik anzubieten, die auf das Nutzen ungewöhnlicher Bewußtseinszustände spezialisiert ist

quelle: http://www.takiwasi.org