Psychiaterin: Therapie eines Opiatabhängigen ist vergleichbar mit der Therapie anderer chronischer Erkrankungen

Wien – 22.000 bis 33.000 Menschen haben in Österreich einen problematischen Drogenkonsum, vor allem geht es um das regelmäßige Injizieren von Suchtgiften (Opiate). Im Vergleich zu anderen Erkrankungen ist die Zahl der Betroffenen gering, doch Stigmatisierung und Diskriminierung sind dafür umso höher. Um zu einer Feinabstimmung der Strategien in der Behandlung von Abhängigen in Österreich zukommen, gibt es morgen, Donnerstag, eine international besetzte Enquete im Gesundheitsministerium. Vor allem auf eine möglichst umfassende Betreuung der Patienten auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse komme es an, hieß es bei einer Pressekonferenz in Wien.

„Den Einen ist die Behandlung zu liberal, die Anderen meinen, man soll alle einsperren. Der Oberste Sanitätsrat hat Süchtige immer als Schwerkranke gesehen, die behandelt gehören“, fasste der Vorsitzende des OSR, Ernst Wolner, pointiert die oft ideologisch und politisch überfrachteten Diskussionen rund um Sucht und Abhängigkeit zusammen.

Gabriele Fischer, Leiterin der OSR-Unterkommission zur Qualitätssicherung in der Betreuung von Suchterkrankungen und Chefin der Drogenambulanz am Wiener AKH: „Es kommt niemand mit einem genetischen Defekt auf die Welt, der ihn später zum Opiatabhängigen macht. Es ist nichts Lasterhaftes, es ist keine Verhaltensproblematik. (…) Abhängigkeit ist eine schwere psychiatrische Erkrankung. Die Therapie eines Opiatabhängigen ist vergleichbar mit der Therapie anderer chronischer Erkrankungen, mit der eines Diabetikers. Die Medikamentenkosten sind die geringsten Kosten.“ Rückfälle und Missbrauch von Arzneimitteln – den Opioid-Substitutionsmitteln – seien krankheitsimmanent.

Entzug nicht sinvoll

Gerade bei Opiatsüchtigen ist die Drogensubstitution mit Medikamenten wie Methadon, retardierten Morphinen, Buprenorphin etc. der Stand der modernen Medizin. Die Psychiaterin: „Es wird immer wieder thematisiert, dass man Abhängige (stationär, Anm.) aufnehmen soll, es sollte entzogen werden – dann wäre die Problematik vorbei. Diese singuläre Intervention funktioniert überhaupt nicht. Wir haben es mit einer chronischen Erkrankung zu tun. Die Detoxifikation entspricht nicht mehr dem ‚State of the Art‘.“

Trotzdem gibt es immer wieder heftige Debatten über Art und Weise der Substitutionstherapie, die verwendeten Mittel, Mitgaberegelungen etc. Hier soll die Enquete die notwendigen Informationen für eine Feinabstimmung in Österreich liefern. Prinzipiell, so Gabriele Fischer, seien alle Substitutionsmittel gute Medikamente, sie müssten nur optimal und kontrolliert verschrieben werden. Aber, so die Expertin: „Wir haben (in Österreich, Anm.) nur 15 Prozent Verschreibungen auf Methadon, 60 Prozent auf retardierte Morphine, die restlichen auf Buprenorphin und Kombinationspräparate. Das ist meines Erachtens ein Missverhältnis.“ 80 Prozent der Drogentoten sind nicht in Substitutionstherapie, die meisten Todesfälle gehen auf das Konto von Mischkonsum mit Benzodiazepinen und Alkohol.

30 Prozent in Substitutionsbehandlung

In Österreich dürften rund 11.000 Menschen in Opiat-Substitutionstherapie sein. Das wären 30 Prozent der potenziell vorhandenen Patienten. In der EU ist das eine Position im Mittelfeld. Wie regional unterschiedlich die Betreuungsdichte aber ist, erweist sich an dem Umstand, dass allein 7.000 Substitutionspatienten in Wien betreut werden.

Es gibt – so Gabriele Fischer – durchaus Verbesserungsmöglichkeiten: „Ganz besondere Sorge macht die hohe Verschreibungsrate von Benzodiazepinen. 70 Prozent der Substitutionspatienten bekommen auch Benzodiazepine. Ein Drittel der Patienten ist bei Allgemeinmedizinern hervorragend aufgehoben. Das Problem ist, was mit den anderen zwei Dritteln geschieht. Ein Drittel müsste in Spezialeinrichtungen in sehr enger Anbindung versorgt werden.“ Hier benötige man wahrscheinlich mehr Einrichtungen. Österreich habe aber auch einen Mangel an Psychiatern – und psychiatrische Abteilungen und Schwerpunktkrankenhäuser dürften sich nicht der Behandlung von Abhängigen entziehen. (APA)

quelle: http://derstandard.at/1271375971587/Substitutionstherapie-Drogentherapie-Substitution-statt-Entzug