1,6 Millionen alkoholkranke Menschen leben in Deutschland – Professoren, Obdachlose, Mütter, Mediziner. Das Therapiekonzept ALITA könnte vielen helfen – doch niemand will dafür bezahlen

Weinflaschen © Photocase.de/Flaccus

Kerstin Saller* ist 56 Jahre, 18 davon hat sie im Alkohol ertränkt. Um von der Flasche loszukommen, lässt sie sich in Suchtkliniken behandeln. Immer wieder. Und immer wieder wird sie rückfällig. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich es auf diesem Weg nicht packe“, erzählt sie im Gespräch mit NetDoktor. Doch dann hat Kerstin Glück: Sie ist eine von 180 Alkoholkranken, die an einer zweijährigen Studie des Max-Plank-Instituts in Göttingen teilnehmen. Die letzte Chance. Erprobt wird ein neues Konzept zur Alkoholtherapie. ALITA heißt es und steht für Ambulante Langzeit-Intensivtherapie für Alkoholkranke. „Alles was hilft, ist erlaubt – das war unser Motor“, erklärt Prof. Hannelore Ehrenreich, die Entwicklerin des Modells, gegenüber NetDoktor. Die Medizinerin besitzt jahrelange Erfahrung mit Alkoholkranken, und von diesen gibt es in Deutschland viele. Rund 1,6 Millionen Menschen hängen an der Flasche, bei 3,2 Millionen ist der Konsum im roten Bereich, so die Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Täglich auf Trab

In den kritischen ersten Wochen ist die Betreuung sehr intensiv. „Denn viele Alkoholiker greifen gleich am ersten Tag nach dem Entzug wieder zur Flasche“, weiß die Suchtexpertin. Täglich müssen die Patienten zu einem Gespräch in die Ambulanz. Erscheint ein Patient nicht, telefonieren die ALITA-Betreuer hinterher oder suchen ihn sogar zu Hause auf. „Aggressive Nachsorge“ nennen Ehrenreich und ihr Team das. Auch wenn ein Rückfall droht, sind die Betreuer da – 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr. „Diese intensive Betreuung war für mich die letzte Rettung“, bestätigt Kerstin. Klassische ambulante Modelle sehen Therapiesitzungen nur ein- bis zweimal wöchentlich vor. Für viele Alkoholkranke reicht das nicht aus.

Unter der Käseglocke

Auch stationäre Therapieansätze für Alkoholkranke haben Schwachstellen, aber andere. Die Patienten werden abgeschirmt vom problematischen Alltagsleben. „Die Klinik“, sagt Kerstin, „wirkt wie eine Käseglocke“. Auf das Ende der Therapie folgt dann der Realitätsschock. Einsamkeit, Familienstress, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Frust und … der erneute Griff zur Flasche. Kerstin erzählt: „Eine ambulante Therapie ist zwar erstmal härter, aber man lernt von Anfang an im Alltag ohne Alkohol zurechtzukommen.“

Künstliche Alkoholvergiftung

Bei ALITA ist neben der intensiven Betreuung auch die Kontrolle wichtig. Ein täglicher Urintest zeigt, ob der Patient Alkohol getrunken hat oder nicht. Vor den Augen der Betreuer schluckt er täglich ein Mittel mit dem Wirkstoff Disulfiram (Antabus). Es verhindert, dass Alkohol im Körper abgebaut wird. Wer sich jetzt einen genehmigt, bekommt die Symptome einer Alkoholvergiftung: knallroter Kopf, Herzrasen, Schwindel und Übelkeit.

„Wir bleuen den Entzugspatienten die Wirkung des Mittels immer wieder ein“, sagt Ehrenreich. In ihrem Konzept ist das Medikament ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die Sucht. Entscheidend ist die psychische Wirkung. Kerstin sagt: „Ich hatte die drohenden Folgen dauernd im Hinterkopf, das hat geholfen, dem nächsten Schluck zu widerstehen.“

Jedenfalls ist sie seitdem trocken – so wie rund 50 Prozent ihrer Mitstreiter. „Eine solche Erfolgsquote gibt es sonst weltweit nicht“, betont Ehrenreich. Bei anderen Therapieangeboten seien nach zwei Jahre nur noch 5 bis 30 Prozent trocken, so ihre Erfahrung.

Bürokratisches Tauziehen

Trotzdem gibt es ALITA für Alkoholkranke in Deutschland nicht. Ein wesentlicher Grund ist offenbar das bürokratische Tauziehen zwischen Krankenkasse und Rentenversicherung, bei dem es ums Geld geht. Normalerweise zahlen die Kassen den medizinischen Part (Entzug und manchmal Entwöhnung). Alle therapeutischen Maßnahmen für die Wiedereingliederung ins Berufsleben (also die Nachsorge) übernehmen die Rentenversicherer.

Eine solche Aufteilung gibt es aber beim ALITA-Konzept nicht, weshalb sich keine der Parteien so recht zuständig fühlt. „Unser Gesundheitswesen ist an vielen Stellen wurmstichig und veraltet“, kritisiert die Ärztin Ehrenreich. „Jeder hält an seinen Pfründen fest.“

Kein Interesse an ALITA

Auf Nachfragen von NetDoktor gab der Bund der Rentenversicherer an: Man sehe keine Veranlassung, ein weiteres Therapiekonzept aufzunehmen, sie hätten schon Angebote, die genauso wirksam seien. Konkret benennen konnten die Verantwortlichen allerdings auf Rückfrage keines.

Der Verband der Krankenkassen entdeckte ein anderes Haar in der Suppe. So wurde während der ALITA-Studie in einigen Fällen ein Medikament eingesetzt, das heute in Deutschland nicht mehr verordnet wird. Ein ausreichender Grund, um das gesamte Projekt abzuschmettern.

Schmuddelkinder der Gesellschaft

Erschwerend kommt hinzu, dass Alkoholiker keine Lobby, aber dafür ein denkbar schlechtes Image haben: Sie sind die Schmuddelkinder des Gesundheitssystems. Zu dieser Krankheit mag sich kaum einer bekennen.

So gibt es die Anonymen Alkoholiker seit Jahrzehnten, von anonymen Diabetikern hat noch niemand etwas gehört. Viele Privaten Krankenkassen haben Alkoholentzugstherapien sogar ganz aus dem Leistungskatalog gestrichen. „Das geht soweit, dass Ärzte, die sich mit Alkoholikern befassen, von Kollegen scheel angesehen werden“, berichtet Ehrenreich.

Therapie aus eigener Tasche

Einige Suchtmediziner setzen die Therapie zumindest in Grundzügen ein. Die Drogenhilfe Provivere in Hamburg bietet das Konzept Plan A an, das auf ALITA basiert – allerdings nur für Selbstbezahler. 18.000 Euro müssen die Patienten für die zweijährige Therapie berappen. Das Westfälische Zentrum für Psychiatrie in Bochum setzt das Konzept in Grundzügen im Rahmen ihrer Alkoholambulanz um – einen 24-Stunden-Service wie ALITA ihn eigentlich vorsieht, kann das Team jedoch nicht leisten. „Darunter leidet vermutlich auch die Erfolgsquote“, bestätigt der Leiter der Ambulanz, Dr. Alfred Wähner, gegenüber NetDoktor.

Dass ALITA dauerhaft wirkt, dafür ist Kerstin der beste Beweis. Sie versucht sich unverdrossen als freiberufliche Ernährungsberaterin zu etablieren. Zwar ist die Situation der Hartz-IV-Empfängerin alles andere als rosig – trotzdem hat die Droge die Macht über sie verloren. Sie sagt: „Ich verschwende heute keinen Gedanken mehr an Alkohol.“

 

Christiane Fux

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