SPIEGEL-Report über den Drogen- und Waffenschmuggel zwischen den USA und Mexiko

Die USA erleben die größte Rauschgift-Invasion ihrer Geschichte. Heroin und Marihuana werden tonnenweise von Mexiko über die Grenze verschoben — im Tausch gegen Millionen Dollar und Waffen. Im Polizeiverhör gestand einer der größten Drogenhändler, auf Weisung des Geheimdienstes CIA gearbeitet zu haben.

Der Mann lag nackt auf dem Fußboden. Die Hände waren auf dem Rücken gefesselt, die Fuße an den Gelenken zusammengebunden. Augen und Mund hatte man mit Heftpflaster verklebt. Vor ihm kniete Comandante Florencia Ventura und hielt dem Gefangenen eine zuvor heftig geschüttelte, dann jäh geöffnete Sprudelflasche an die Nasenlöcher — neueste Verhörmethode der mexikanischen Bundespolizei.

Das herausschießende Kohlensäuregas führt zu Erstickungsanfällen, im Gehirn können Äderchen platzen. Kein Arzt kann später nachweisen, daß der Gefolterte nicht an Gehirnschlag gestorben ist.

Der Nackte im Nebengebäude des Vierten Polizeireviers in Mexico City war Alberto Sicilia Falcón, 32. — Er starb nicht, aber was er dem Polizeioffizier nach der Folter in die Maschine diktierte, löste 104 Anklagen und Verhaftungen in den USA und Zentralamerika aus und hat für Mexikos Innenpolitik und sein Verhältnis zu den USA noch nicht absehbare Folgen.

Alberto Sicilia gab an, Agent des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA gewesen zu sein und in dessen Auftrag einen Rauschgiftring aufgebaut zu haben, der mexikanisches Heroin und Marihuana in die USA und von dem Gewinn auf Verlangen der CIA Waffen an mittelamerikanische Guerilla-Organisationen lieferte.

Ziel der Operation: „Destabilisierung“ von unbequemen Regimen in Zentralamerika, die, gefährdet durch die aufgerüsteten Guerillas, gegen US-Militärhilfe dann den Amerikanern gewünschte politische Konzessionen machen mußten. Finanziert wurde die Unternehmung, so der Häftling, durch amerikanische Pusher, Fixer und Kokser.

Was sich wie die abenteuerliche Erfindung eines in die Enge getriebenen Dealers anhörte, gewann im Verlauf der weiteren Untersuchung manche realen Konturen. Zurückgehaltene Polizeiberichte und amtliche Protokolle, die der SPIEGEL in Mexiko einsehen konnte, stützen Sicilias Erzählungen über die abenteuerliche Vermengung von Drogenkriminalität und geheimdienstlichen Aktivitäten im Verhältnis zwischen den USA und ihrem südlichen Nachbarn.

Alberto Sicilia ist nicht irgendein kleiner Ganove, sondern Chef der einflußreichsten unter jenen sieben „Mafia“-Familien, die sich das Milliarden-Geschäft mit mexikanischem Rauschgift teilen.

Seine Organisation schmuggelte nach Schätzungen der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde DEA wöchentlich für „3,6 Millionen Dollar Rauschgift“ in die USA und beschäftigte laut Aussage des DEA-Direktors Peter Bensinger „über 1600 Personen, darunter Filmstars, Toreros und internationale Geschäftsleute“, die in den USA und in Mittelamerika „Rauschgift für mehrere Hundert Millionen Dollar verschoben“.

Sicilia selbst führte seine Geschäfte von drei komfortablen Wohnsitzen in Mexiko und zwei Villen in den USA aus. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung verfügte er über zwei Rolls-Royce, einen 3.0-Liter-BMW, einen Mercedes 450 SL und ein zweimotoriges Flugzeug vom Typ Beechcraft Duke.

Seine Geschäftsbeziehungen reichten von Kolumbien über Korsika bis nach Chicago. Als man ihn verhaftete, hatte er je einen gültigen kubanischen, mexikanischen und amerikanischen Paß sowie zwei Schweizer Bankbücher bei sich, die zusammen über 260 Millionen Dollar Guthaben (DEA-Bericht) auswiesen.

Die mexikanische Tageszeitung „El Sol de México“ fragte: „Wie konnte ein junger Exilkubaner in nur zweieinhalb Jahren ein derartiges Imperium aufbauen — ohne Hilfe einer großen Organisation?“

Der 1944 in Matanzas auf Kuba geborene Alberto Sicilia Falcón verließ die Karibikinsel kurz nach der Machtübernahme Fidel Castros 1959. Der Flüchtling lebte zuerst in Emigrantenkreisen in Miami und wurde schließlich von der amerikanischen CIA in Fort Jackson als potentieller Partisan gegen das Castro-Regime ausgebildet.

Nach der mißlungenen Invasion in der Schweinebucht 1961, die den Sturz des Kommunisten Castro zum Ziel hatte, verlieren sich die Spuren Sicilias. Nach Vermutungen der mexikanischen Polizei soll er für die CIA in Chile gegen die Regierung des Sozialisten Allende gearbeitet haben und Anfang 1973 in die USA zurückgekehrt sein.

In Miami konnte die amerikanische DEA auch die erste Spur des auf Drogenhandel umgestiegenen Kubaners aufnehmen, die schließlich zwei Jahre später zu seiner Verhaftung führte.

Im Frühjahr 1973 trafen sich bei der amerikanischen Schauspielerin Mercedes C., 36, im angemieteten Bungalow Nr. 36 Palm Drive, Miami, der Grieche Carlos Kyriakides und der mexikanische Torero Gastón Santos.

Der Grieche, so glaubt die DEA nach dem Geständnis eines US-Dealers, hatte einen Rolls-Royce von Frankreich über London nach Miami gebracht, in dessen Türen und Bodenverschalung sich jeweils 15 Kilogramm Heroin und Kokain in Plastikschläuchen befanden.

Die Schauspielerin, die nach Angaben der mexikanischen Polizei über zwanzig verschiedene Pässe auf verschiedene Namen besitzt, verwies den Griechen und seine kostbare Fracht — Marktwert in den USA: fünf Millionen Dollar — an einen potenten Abnehmer: Alberto Sieilia Falcón, der in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana „in einer festungsähnlichen, von Hunden bewachten Villa“, so der DEA-Bericht, Quartier genommen hatte.

Die Stadt Tijuana im Nordwesten des Landes, nahe den USA, war neben Culiacán und Mexicali Hauptumschlagplatz für Rauschgift „made in Mexiko“ geworden, seit die Türkei auf Druck Washingtons 1971 den bis dahin legalen Mohnanbau verboten hatte und damit der Drogenzufluß aus Europa nahezu versiegt war.

Die rauhe Bergwelt der Sierra Madre Occidental — zweimal so groß wie die Bundesrepublik und bis zu dreitausend Meter hoch — ist für die Rauschgiftproduktion wie geschaffen: Im Bergklima können auf einem Feld Marihuana im August/September und Mohn im Februar/März gedeihen. Die Transportwege zu den Abnehmern in den amerikanischen Großstädten sind kurz und die dreitausend Kilometer lange Grenze zwischen beiden Staaten leicht zu überwinden.

Vor allem aber ließen sich „in diesem Pancho-Villa-Land“**, so der US-Reporter Dan Rosen in einem Rauschgiftreport über Mexiko, „ohne Straßen und mit kümmerlicher Heimindustrie“ Politiker und Polizisten durch die Mordida, das landesübliche Bestechungsgeld, leicht korrumpieren. Sieben „Familien“ kontrollieren den Drogenhandel.

Bitterarme Indiobauern fanden zum erstenmal in ihrer elenden Geschichte ein auskömmliches Leben. Denn ein Kilo Rohopium — die Ernte eines Hektars — brachte ihnen 5000 Mark netto — fast zehnmal soviel wie der Anbau von Getreide und Bohnen.

Als Heroin („Mexican Brown“) kostet es schon 60 000 Mark, und in New York, zwischen der 117. und der 125. Straße, erbrachte es, mit Zusätzen gestreckt, fast eine Viertelmillion.

Schon vor dem Vertrag mit der Türkei und der Zerstörung der französischen Labors und Verteilerringe — genannt „French Connection“ — hatten die ersten Rauschgiftspezialisten der US-Mafia den mexikanischen Bergindios den Mohnanbau beigebracht.

Unter ihrer kundigen Anleitung verbrannten die Bauern den Hochwald und begannen im Oktober mit der Aussaat der „amapola“, des Mohns.

„Gomeros“ — Gummimänner — zeigten ihnen, wie sie mit einem rasiermesserscharfen Krummeisen die Mohnkapsel schneckenförmig anritzen, damit der weiße Kapselsaft ausblutet, um an der Luft zu knetbarem braunem Rohopium zu gerinnen.

Und als 1973 der amerikanische Präsident Nixon triumphierend den absehbaren Sieg über die Heroinplage verkündete („… endlich haben wir die Kurve beim Drogenhandel genommen“), war an die Stelle der lahmgelegten „French Connection“ längst die neue „Mexican Connection“ getreten: sieben Drogenhändlerringe, die den gesamten einschlägigen Handel von der Aussaat des Mohns bis zu den Abnehmern in Chicago und New York, in Los Angeles und Miami kontrollierten und die verantwortlich sind für die „größte Drogenepidemie in Amerikas Geschichte“ (Dan Rosen in der US-Zeitschrift „Penthouse“).

Wie die italienisch-amerikanische Mafia aufgebaut, tragen die Ringe die Namen ihrer meist mexikanischen Gründer oder ihrer Chefs: Es sind die „Favelas“, die „Macías““ die „Herreras“, die „Valenzuelas“, die „Romeros“, die „Avilés-Quinteros“ und als mächtigster Ring: die „Sicilia Falcóns“.

Auf den Namen Sicilia stießen die DEA-Beamten bei der Verfolgung des

* Durch ihn brach Sicilia am 26. April 1976 aus. ** Pancho Villa, eigentlich Doroteo Arango, 1878 bis 1920; mexikanischer Revolutionsheld.

Griechen Kyriakides und seines Rauschgift-Rolls-Royce von Miami nach Tijuana. Doch es dauerte über ein Jahr, bis sich die amerikanische Rauschgiftbehörde einigermaßen Klarheit über das Ausmaß der Sicilia-Geschäfte verschaffen konnte.

Voraussetzung war eine enge Zusammenarbeit mit der mexikanischen Bundespolizei. „Wir beobachteten alle amerikanischen Aktivitäten der Sicilia-Organisation und tauschten im „Janus-Programm“ mit Mexikos Bundespolizei alle Informationen aus“, sagte DEA-Direktor Bensinger Anfang dieses Jahres.

Seine Rauschgiftagenten machten zwei Operationsbasen in den USA aus: Sicilias Haus in Coronado Cays, US-Bundesstaat Kalifornien, als zentrale Verteilerstelle für Marihuana und eine weitere Villa in einem Vorort von San Diego — Verteilerstelle für Heroin.

Auf der mexikanischen Seite schließlich entdeckten der oberste mexikanische Drogenfahnder Dr. Alejandro Gertz Manaro — Spitzname „der Preuße“ — und seine „Federales

wegen ihrer schießwütigen Aktionen von amerikanischen DEA-Kollegen „Gertzstapo“ genannt — drei Verteilerzentren der Sicilia-Familie:

Ein Haus in Culiacán als Sammelstelle für Heroin, eine Fabrikhalle in Mexicali, in deren Kellern Marihuana für den Weitertransport gelagert wurde, und die Zentrale der gesamten Geschäftigkeit: Sicilias Villa in Tijuana.

Die Operationen der Familie spielten sich so ab: Von Culiacán aus bereisten Kuriere die Indiodörfer in der Sierra Madre und boten den Bergbauern schon vor der jeweiligen Ernte einen Festpreis pro Kilo. Jedes dritte Dorf erhielt von der Familie einen Generator für die Infrarotlampen, die den Trocknungsprozeß des „goma“, des braunen gummiartigen Rohopiums, beschleunigten.

Kurz nach dem ersten Anschneiden der reifen Kapseln — sie können bis zu viermal in einer Saison angeritzt werden — transportierte die Dorfgemeinschaft das Opium auf Eseln zu einer planierten Dschungelpiste, wo vor Einbruch der Dunkelheit Flugzeuge den „Stoff“ abholten und den Lohn — etwa 5000 Mark pro Kilogramm Goma — im gleichen Ort zurückließen.

Eine Unze Heroin für ein Schnellfeuergewehr.

Marihuana lieferten die Dörfler versandfertig. Die Blätter der Hanfstauden, im August/September geschnitten und getrocknet, wurden noch im Bergdorf von Alten und Kindern mit hydraulischen Wagenhebern zu handlichen Ein-Kilo-Packungen gepreßt und in Ölpapier und Plastikhüllen verpackt.

Auf den Ranchos „Tamuin“ und „Garragaliote“ — im Besitz des mexikanischen Toreros und Großgrundbesitzers Gastón Santos — wurde das Rauschgift in zwei- und viermotorige Flugzeuge umgeladen, „beschützt und kontrolliert von der 1500 Mann starken Leibwache des Toreros“ (DEA-Bericht) und in die USA geflogen oder bei Schlechtwetter per Lastwagen nach Mexicali und Tijuana gefahren.

In Tijuana — vom Haus des Unterführers Julio Bello Guinart, laut Polizeibericht „bewacht von zwei ausgewachsenen Löwen“ — wurde das Marihuana gleich tonnenweise in die USA verladen.

Mindestens zehnmal im Monat fuhren zwei blau-weiß-grüne Tankwagen — offiziell Benzin-Transporter — drei Tonnen Marihuana auf dem Interstate Highway Nr. 5 von Tijuana nach San Diego.

Und von den Kellern der stillgelegten Fabrik in Mexicali brausten wöchentlich zwei Container-Lastzüge à zwanzig Tonnen mit falsch deklarierter Fracht — auf der Touristenstraße Nr. 86 durch das Imperial Valley nach Los Angeles.

„Per Tonne brachte das der Organisation 140 000 Dollar“, ärgerte sich Peter Bensinger.

Auch kleine Geschäfte ließ sich die Sicilia-Familie nicht entgehen. „Das Zeug kommt über die Grenze in kaum vorstellbaren Verstecken“, klagte ein US-Zöllner auf dem Interstate Highway vor San Diego.

„Selbst biedere Hausfrauen verbergen es im kleinen Grenzverkehr in ihren Wagen und verdienen sich so ein beträchtliches Zubrot zum Familienbudget.“

Ausgerüstet mit falschen Papieren (Marktpreis in Tijuana 125 Dollar, laufende Anfangsnummer ID 151 …) fahren unverdächtig aussehende Chauffeure — Branchenjargon „burros“ (Esel) — inmitten von Touristen zur Grenze. Vor ihnen fährt meist ein „Familienmitglied“, das die Zollkontrolle beobachtet und etwa 15 Kilometer hinter der Grenze den „Stoff“ übernimmt und das Frachtgeld — zwischen 500 und 2000 Dollar — bar übergibt. Geschmuggelt wird das Heroin in Benzintanks, in den Türverkleidungen, in präparierten Koffern und Autoreifen oder in zusätzlichen Auspuffrohren. Etwa 30 Pfund wechseln so pro Fahrt über die Grenze.

In den Basen der Familie in San Diego und Los Angeles schließlich wird das 60prozentige braune Pulver mit Milchzucker auf etwa die doppelte Menge gestreckt und als dreißigprozentige „Ware“ an die örtlichen Verteiler. ringe mit hundertprozentigem Preisaufschlag weiterverkauft.

Wenn es endlich den New Yorker „Junkie“ erreicht, ist es nur noch zu zehn Prozent rein und kostet sechzig Dollar pro Viertelunze.

Trotz all dieser mühsam zusammengetragenen Details über seine Organisation konnte Sicilia selbst Anfang 1975 immer noch nicht verhaftet werden.

„Wir wußten zwar vieles, aber alle Spuren endeten bei seinen Mitarbeitern. Sicilia selbst konnten wir nichts nachweisen“, klagte der Chefermittler der mexikanischen „Gertzstapo“, Comandante Díaz Laredo, 33.

Ein DEA-Kollege in Mexico-City jedoch beurteilt die Lage anders: „Die haben doch nur halbherzig und mehr auf die Manana-Tour mitgemacht. Aufgewacht sind sie erst, als sie sich durch den steigenden Waffenschmuggel bedroht fühlten.“

Tatsächlich zeigte sich Mexikos Regierung wesentlich kooperationsbereiter, als sie im Rahmen des „Janus-Programms“ von der amerikanischen DEA informiert wurde, daß die Sicilia-Familie in ihren Lastwagen und Flugzeugen Waffen nach Mexiko zurückbrachte.

Die Regierung Echeverría gab daraufhin dem Drängen der Amerikaner nach und ließ die „Operation Clearview“ zu: US-Aufklärungsflugzeuge photographierten mit Spezialfilmen und Filtern aus großer Höhe die Gebirgszüge der Sierra Madre. Mohn und Hanffelder erschienen auf den Photos in bestimmten Farben. Danach starteten Sprühhubschrauber, die mit dem Pflanzenvernichtungsmittel „Gramoxone“ die so ausgemachten Giftfelder zerstörten.

Es war eine nicht ganz ungefährliche Arbeit für die vietnamerfahrenen Hubschrauberpiloten. Inzwischen hatten die Rauschgiftfamilien nämlich „ihre Dörfler“ mit modernen Waffen ausgerüstet: Soldaten und Piloten wurden bei den Einsätzen oft mit Schnellfeuergewehren beschossen.

Je härter die Mexikaner gegen die Rauschgifthändler vorgingen. desto mehr wuchs deren Bedarf an Waffen. Nur, daß jetzt Rauschgift, statt gegen Bargeld, gegen Gewehre, Granaten und Dynamit den Besitzer wechselte. Der neue Kurs: eine Unze Heroin gegen ein Schnellfeuergewehr.

Denn dem Millionenheer der Indios auf den kargen Berghängen, die jahrhundertelang in Arbeitslosigkeit, Analphabetentum und Unterernährung dahinvegetierten, hatte der Handel mit dem Rauschgift einen Ausweg aus der Misere eröffnet — und ihren neuen Reichtum verteidigten sie nun mit dem Gewehr.

Doch nicht nur an die Bergbauern lieferte die Sicilia-Familie Waffen. Auch linke Guerrilleros, wie die „Bewegung des 23. September“, verfügten plötzlich über moderne US-Schnellfeuergewehre vom Typ M-16.

Und Guatemalas linke Revoluzzer setzen in ihrem Kampf gegen die Regierungstruppen neuerdings panzerbrechende Gewehrraketen und Infrarotzielfernrohre „made in USA“ ein.

Ende 1973 beschlagnahmte der US-Zoll am San-Ysidro-Grenzübergang nach Mexiko einen Lastwagen der Sicilia-Familie, der 60 M-1-Gewehre, 240 Magazine und 8425 Schuß Munition vom Kaliber 30 an Guerrilleros in Nicaragua liefern sollte.

Und nach Untersuchungen des „Büros für Alkohol, Tabak und Waffen“ im US-Schatzamt lieferte 1974 allein ein illegaler Waffenhändler in Brownsville (Texas) von seinem als Lebensmittelgeschäft getarnten Umschlagplatz — Name: „Villa Verde Food Store“ — an die Sicilia-Familie über zwölf Millionen Schuß Munition.

Die Waffengeschäfte liefen so gut, daß Sicilia und sein Partner Gastón Santos Ende 1974 schließlich mit US-Firmen über die Herstellungsrechte an vollautomatischen Waffen verhandelten, die „bei revolutionären Aktivitäten in Mittel- und Südamerika eingesetzt werden sollten“ (DEA-Bericht).

Diese Information endlich beseitigte bei den Mexikanern alle Vorbehalte gegen das DEA-Engagement im Lande. „Aus dem rein amerikanischen Drogenproblem war plötzlich eine politische Bedrohung für Mexiko geworden“, meinte ein Narkotik-Beamter in der US-Botschaft in Mexikos Prachtstraße Paseo de la Reforma. „Die Angst vor einem Bürgerkrieg war stärker als die Befürchtung, daß unsere Aufklärungsflugzeuge nicht nur nach Mohnfeldern Ausschau hielten, sondern mit ihren Spezialkameras auch strategisch wichtige Bodenschätze wie Öl und Uran aufspüren konnten.“

Die Amerikaner durften jetzt ihre DEA-Niederlassung in Mexikos Hauptstadt auf 34 Beamte verstärken und Sicilia auch im Nachbarland rund um die Uhr überwachen. 1975 schließlich entdeckte Mexikos damaliger Innenminister persönlich in Cuernavaca, 90 Kilometer südlich von Mexico City, eine neue Verbindung Sicilias: Er schickte eine Limonadenflasche mit den Fingerabdrücken seines Landhausnachbarn“ der verdächtig häufig mit Sicilias Wohnsitz in San Diego telephoniert hatte, an das FBI.

Antwort der amerikanischen Bundespolizei: Die Fingerprints gehörten dem Chicagoer Mafiaboß Sam Giancana, der auf der Flucht vor der US-Steuerbehörde in Mexiko untergetaucht war.

Ein internationales Auslieferungsersuchen der französischen Polizei führte zur Ausweisung Giancanas. Bei der Zwischenlandung des Fluges Nr. 066 der Air France von Mexico City nach Paris wurde der Mafiaboß vom FBI in Houston (Texas) aus dem Jumbo-Jet geholt.

Nach mehrtägigen Verhören plauderte Giancana so nebenbei aus, daß er einst im Auftrage der CIA ein Attentat auf Fidel Castro versucht habe.

Er selbst habe damals aus seiner Privatschatulle neunzigtausend Dollar zusätzlich zum CIA-Geld investiert, um den Kubaner mit einer vergifteten Zigarre zu beseitigen. Noch bevor er diese Aussage vor einem Untersuchungsausschuß des US-Senats wiederholen konnte, wurde Giancana in seiner Chicagoer Wohnung im Juni 1975 erschossen. Gerüchte machen noch heute die CIA für seine Exekution verantwortlich. Beamte aus dem Innenministerium in Mexiko behaupten, daß der amerikanische Geheimdienst die Ausweisung seines redefreudigen Ex-Mitarbeiters Giancana verhindern wollte.

Zur selben Zeit auch hatte sich der mexikanische Innenminister zur Verhaftung von Sicilia entschlossen. Am Abend des 2. Juli 1975 umstellten „Federales“ das Haus Nieve 108 im exklusiven Hauptstadtviertel Jardines del Pedregal de San Angel. Dort gab die Schauspielerin Irma Serrano, genannt „La Tigresa“, die Tigerin, zu Ehren ihres Freundes Sicilia eine Party. Als die Polizisten an der Tür klingelten, hetzte der Fahrer Sicilias drei scharfe Hunde auf sie. Erst als ein Polizist ihm die Pistole an die Schläfe setzte, pfiff er die Tiere zurück.

Anonymer Tip aus der US-Botschaft.

Im Haus jedoch fand die Polizei nur zehn Gramm Kokain, und auch die Durchsuchung des Sicilia-Wohnsitzes in der nahen Calle Aqua 754 erbrachte keine Beweise, um den Ringchef länger als 48 Stunden in Untersuchungshaft zu halten.

Erst Sicilias Geständnis nach der Folter durch den Bundespolizisten Florencia Ventura lieferte den Behörden genug Material, um ihn für längere Zeit ins Untersuchungsgefängnis von Lecumberri einzuliefern — einen schmutzigen Sandsteinbau aus dem 19. Jahrhundert.

Mit ihm verhaftet wurden sein kubanischer Freund Egozzi, der Italiener Zuccoli, der Grieche Kyriakides und der Amerikaner Ruby.

Die mexikanische Regierung bewahrte jedoch Stillschweigen über die angeblichen CIA-Verbindungen des Alberto Sieilia, mit denen er nach der Folter herausgerückt war.

Mexikos damaliger Präsident Echeverría machte nur ab und zu dunkle Andeutungen. „Kräfte von außen versuchen unser Land zu destabilisieren“, behauptete er 1975 in Chiapas, und „die amerikanische Regierung ist nicht schuldlos an Mexikos Schwierigkeiten“, erklärte er im Frühjahr 1976 vor Industriellen in Monterrey, dem Ruhrgebiet Mexikos.

In der Umgebung des Präsidenten erinnerte man sich, daß der US-Geheimdienst schon einmal in Rauschgiftgeschäfte en gros verwickelt war: Während des Vietnamkrieges flogen Maschinen der CIA-finanzierten Luftlinie Air America Rauschgift in riesigen Mengen aus Laos nach Saigon, von wo es seinen Weg in US-Mafiakanäle fand, zum Teil in so makabrer Verpackung wie den in die Heimat geflogenen Leichen gefallener Gis. Millionen aus diesem Geschäft flossen auch in die Taschen vietnamesischer Generale.

Schon damals wußte eine amerikanische Regierungsstelle nicht, was die andere tat, wurde die in Südostasiens Dschungeln kämpfende US-Armee durch Drogen demoralisiert, die in Air-America-Flugzeugen herangeschafft worden waren.

„Nur so läßt sich auch das Gegeneinander von DEA und CIA im Fall Sicilia erklären“, mutmaßt ein ehemaliger Echeverría-Berater in Mexiko.

Die Geschäfte Sicilias jedenfalls liefen trotz seiner Festnahme vom altersschwachen Lecumberri-Gefängnis aus ungehindert weiter. Die Schauspielerin Mercedes C. besuchte ihn regelmäßig — empfing Anordnungen und sorgte mit entsprechenden Bestechungsgeldern dafür, daß seine Zelle mit Fernseher, Kühlschrank und Teppichen ausgestattet wurde.

Die Frau organisierte nach Vermutung der amerikanischen Polizei auch die spektakuläre Flucht Sicilias und seiner Kumpane.

In der Nacht zum 26. April 1976 verschwanden Sicilia, Egozzi, Ruby und Zuccoli durch einen mit elektrischem Licht ausgerüsteten Tunnel

der aus der Sicilia-Zelle 97 Meter unter der Gefängnismauer hindurch in die Küche eines Nachbarhauses führte.

Doch die Freiheit währte nur drei Tage. Dann erhielt Mexikos oberster Rauschgiftfahnder Dr. Gertz Manaro einen anonymen Anruf von einem Telephonapparat aus der US-Botschaft: Egozzi und Ruby wurden in einem Billighotel im Norden der Stadt verhaftet — Sicilia im Haus Nr. 73 in der Calle Quemada vom Cheffahnder Díaz Laredo gestellt. Sicilia wartete dort offensichtlich auf den Abtransport durch Helfer.

Als der Rauschgifthändler erfuhr, woher der Hinweis auf sein Versteck gekommen war, reagierte er geschockt. „Sicilia hatte begriffen, daß ihn die CIA fallengelassen hatte“, behauptete ein mexikanischer Rauschgiftfahnder, der bei der Verhaftung anwesend war.

Zehn Tage später, am 9. Mai, erklärte Sicilia vor einem Untersuchungsrichter: „Ich habe Angst, daß die CIA oder der kubanische Geheimdienst, oder mexikanische Polizisten in deren Auftrag mich umbringen.“ Seither verweigert er eine Verlegung in ein anderes Gefängnis und verlangte für seine Zelle im neuen Gefängnis „Reclusorio Norte“ eine Sonderbewachung.

Seither auch werden alle Besuchsanträge für Sicilia abgewiesen, die mexikanische Gefängnisverwaltung verbot dem SPIEGEL ein Interview mit ihm in letzter Minute. Begründung des Direktors Dr. Núnez Chávez: „Ein Gespräch könnte seine Resozialisierung gefährden.“

Auch Sicilias Anwalt, Licenciado Enrique Ostos, der im 7. Stock der Avenida Morelos residiert, lehnte jede Auskunft ab.

Ein Kommentator der Zeitung „Excelsior“: „Alle sind interessiert, daß der Fall nicht hochgekocht wird. Sicilia ist eine Belastung für die mexikanischamerikanischen Beziehungen und der lebende Beweis dafür, daß die Regierung in Washington unser Land wäh-

* Amerikaner und Mexikaner versuchen den steckengebliebenen wagen auf das eigene Staatsgebiet zu ziehen.

rend der Regierungszeit des auf die Blockfreiheit Mexikos pochenden Präsidenten Echeverría unter Druck setzen wollte. Nach dem Präsidentenwechsel in Mexiko und in Washington paßt Sieilias Geständnis einfach nicht mehr in die politische Landschaft.“

Der ehemalige Berater des mexikanischen Ex-Präsidenten Echeverría urteilt verbittert: „Der Sicilia-Fall ist ein Lehrstück für Großmachtpolitik. War eine Regierung nicht zu Konzessionen an Washington bereit, rüstete die CIA über die Sicilia-Organisation ihre militanten Gegner mit Waffen auf. Geriet das aufmüpfige Regime danach in innenpolitische Bedrängnis, lieferte das offizielle Washington schnelle Hilfe — natürlich gegen politische oder wirtschaftliche Konzessionen. Und das alles finanziert durch Amerikas Süchtige.“

Und ein Reporter der überregionalen Tageszeitung „El Sol de México“ bedauerte: „Die neue Regierung López Portillo ist nicht an einer Publizität interessiert. Sie wird Sicilia im Rahmen eines zwischenstaatlichen Häftlingsaustausches schnellstens in die USA abschieben.“

Doch selbst bis dahin (das Gesetz über den Häftlingsaustausch mit den USA tritt frühestens im Sommer 1977 in Kraft) stehen die Überlebenschancen für den sprachgewandten Sicilia — er spricht fließend Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch — schlecht.

Ein mexikanischer Narkotikagent ist sich sicher: „Gewiß wird er noch vorher hier umgelegt. Denn Sicilia hat gegen das Redeverbot verstoßen, das sowohl für die Mafia als auch für die CIA gilt“

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