Rauschgift Rose 12 in Sorge: Suchtkranke können Ersatzstoffe für Heroin nur noch auswärts bekommen

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Dörte Horstmann macht für Rose 12 im Büro an der Blexersander Straße 6 Drogenberatung für die Wesermarsch,
Winfried Wigbers leitet die Einrichtung.
BILD: Henning Bielefeld  Bild vergrößern

 

Wer vom Rauschgift loskommen will, braucht einen Ersatzstoff. Ist der nicht zu bekommen, droht ein Rückfall in die Sucht.

von Henning Bielefeld

Nordenham – Die Drogenberatungsstelle Rose 12 ist in großer Sorge: Die Heroin-Abhängigen bekommen in der Wesermarsch kein Methadon oder andere Ersatzstoffe für das Rauschgift mehr. „Das ist für die betroffenen Menschen eine Katastrophe“, sagt die Mitarbeiterin Dörte Horstmann.

Weniger Kriminalität
Aber auch für die Bürger, die mit Rauschgift nichts zu tun haben, ist das eine schlechte Nachricht, betont sie. Denn Süchtige, die von einem Arzt legal mit Ersatzstoffen versorgt werden, müssen nicht mehr illegal Drogen kaufen, verüben keine Beschaffungskriminalität mehr, sind deutlich gesünder als Rauschgift-Konsumenten und können sogar einer geregelten Arbeit nachgehen und damit ihr eigenes Geld verdienen. Sie sind auf dem Weg zur Drogenfreiheit.

Deshalb fordern Dörte Horstmann und der Einrichtungsleiter von Rose 12 in Oldenburg, Winfried Wigbers, dass dieses Problem so schnell wie möglich gelöst wird. Vor gut einem Jahr gab es noch zwei niedergelassene Ärzte in der Wesermarsch, die Ersatzstoffe für Heroin – und nur um dieses Rauschgift geht es – nach strengstens festgelegten Kriterien ausgeben durften. Dem einen Arzt wurde diese Erlaubnis entzogen. Beim zweiten Arzt – er praktiziert in Brake – steht die Erlaubnis auf der Kippe, weil die Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit gegen ihn ermittelt.

So lange diese Ermittlungen nicht abgeschlossen sind, könnte er theoretisch weiter Ersatzstoffe abgeben, sagt Winfried Wigbers. Aber der Mediziner sei auf unabsehbare Zeit krankgeschrieben und stehe nicht zur Verfügung. Da seine Praxis aber weiterhin bestehe, sehe die kassenärztliche Vereinigung keinen Grund, einen anderen niedergelassenen Arzt mit dem Substitutionsprogramm zu betrauen.

Deshalb müssen die Betroffenen auf unabsehbare Zeit nach Bremerhaven, Varel oder Oldenburg ausweichen, was vor allem für die Patienten schwierig ist, die einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, aber kein Auto haben. Wer aber nicht rechtzeitig an den Ersatzstoff kommt, spürt Entzugserscheinen. Sie sind mit heftigen körperlichen Leiden verbunden, die an eine echte Grippe erinnern, erläutert Winfried Wigbers: Die Knochen tun weh, Übelkeit und Durchfall stellen sich ein. Die Betroffenen beginnen, sich ständig zu kratzen. In der Rauschgift-Szene wird dieser Zustand deshalb als „affig“ bezeichnet. Er treibt die Patienten in so große Not, dass sie nicht davor zurückschrecken, sich wieder Heroin zu beschaffen – und der Teufelskreislauf beginnt von neuem.

Die Situation ist auch deshalb gefährlich, weil es nicht leicht ist, einen niedergelassenen Arzt für die Teilnahme am Substitutionsprogramm zu gewinnen. Denn die Vorschriften sind äußerst streng, und wer sie missachtet, bekommt es mit dem Staatsanwalt zu tun. „Ärzte wollen vor allem ihren Patienten helfen“, erläutert Winfried Wigbers. Das können sie beispielsweise, indem sie dem Betroffenen Ersatzstoffe mit nach Hause geben, wenn sein Anfahrtsweg weit und er an einen Arbeitsplatz gebunden ist. Die Abgabe dieser „Take-Home“-Stoffe ist aber sehr streng reglementiert, so dass ein Arzt schnell in die Zwickmühle kommt, ob er seinem Patienten einen Ersatzstoff mitgibt oder sich an die Vorschriften hält und riskiert, dass der Patient Heroin kauft.

Viele Heroin-Abhängige
In der Wesermarsch ist die Lage auch deshalb brenzlig, weil es hier überdurchschnittlich viele Heroin-Abhängige gibt. Allein in Nordenham sind es 80 bis 90 – von ihnen nimmt jeder Zweite am Ersatzstoff-Programm teil –, ein weiterer Schwerpunkt ist Elsfleth. Warum ist das so? Winfried Wigbers zuckt die Schultern: „Oft liegt es an bestimmten Menschen. Ein Wortführer in einer Clique nimmt Heroin – und die anderen tun es ihm nach.“

source: http://www.nwzonline.de/Region/Kreis/Wesermarsch/Nordenham/Artikel/2501679/Kein+Methadon+mehr+in+der+Wesermarsch.html

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